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Algorithmus

Wir tanzen Mechanik
Der Algorithmus hat dem Musikjournalismus längst den Rang abgelaufen

Samstag, 13 Uhr, Panelzelt
Natürlich sind wir alle strikte Individualisten. Mehr oder weniger. Nur wir bestimmen, was uns auf dem Dancefloor den tropfenden Schweiß von der Decke oder beim Spielen auf der Luftgitarre die Peinlichkeit des Moments ertragen lässt. Doch nicht immer ist es ganz einfach, den Überblick über alle Optionen aus der Geschmackstiefe zu behalten.
Schon in Zeiten, als die Argumente für den Gang in den Plattenladen noch zwischen Hochglanzcover ambitionierter Musikmagazine passten, war die Zeit zum Sondieren oftmals viel zu knapp. Und heute, da Zeus über uns ein bodenloses Füllhorn mit Musik ausleert, dem nicht einmal eine Armada von John Peels so habhaft werden könnte, dass wir hyperindividualisierten Internetmusikcracks auf Dauer damit zufrieden wären, braucht es schon tagtäglich die Muße für mindestens 80 Blogs, 40 Podcasts und 20 Soundclouds, um nicht für alle Ewigkeit auf dem Schnee von vor drei Minuten sitzen zu bleiben. Auch mit Vertrauen in die Fähigkeiten des modernen (Musik-)menschen: Hier sind einfach physische Grenzen gesetzt. Zum Glück haben die Ahnen von Konrad Zuse die Notwendigkeiten der Zeit erkannt und wieder einmal den guten alten Muhammed al-Chwarizmi um Rat gefragt. Der Entdecker der Algorithmen würde heute wohl bei Amazon, Putpat und Co. Tantiemen-Trillionär, könnte er aus dem dort so erstaunlich treffenden und erfolgreichen Auswerten von Userdaten für individuelle Musikvorschläge noch einen finanziellen Nutzen ziehen. Klar, sich diesem Schicksal dieser Art Geschmacksfilterung zu ergeben, würde heißen, den Robotern das Feld zu überlassen. Aber hey, wie hieß es nicht schon bei Kraftwerk: „Wir funktionieren Automatik, jetzt wollen wir tanzen Mechanik!”

Mit Dr. Stephan Baumann (Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz), Johnny Haeusler (Spreeblick), Lars Brinkmann (GRIMM), Daniel Brugella (whatpeopleplay), Prof. Dr. Lorenz Lorenz-Meyer (Professur für Online-Journalismus Darmstadt); Moderation Uwe Viehmann (iNterview)

So war’s

Der Algorithmus hat dem Musikjournalismus längst den Rang abgelaufen

„Wir tanzen Mechanik!“ ist nicht nur das Motto der diesjährigen (Pop Up, sondern beschreibt das Spannungsfeld zwischen Emotion und Technik. Das gutsortierte Podium diskutierte unter Moderation von Uwe Viehmann den Konflikt zwischen Musikjournalismus und Bewertungsalgorithmen. Auswahl und Empfehlung von Musik als Thema des Kulturjournalismus wird inzwischen deutlich in Frage gestellt – neue Wege sind nötig.

Die fünf Gäste ließen eine interessante Diskussion aus unterschiedlichen Blickwinkeln erwarten: Johnny Haeusler von Spreeblick und Lars Brinkmann (GRIMM) konnten mit Daniel Bregulla von whatpeopleplay ihren Standpunkt aus Sicht der Inhaltsproduzenten darstellen. Prof. Dr. Lorenz Lorenz-Meyer, der eine Professur für Online-Journalismus in Darmstadt innehat, erläuterte theoretische Hintergründe und Dr. Stephan Baumann als Musik- und KI-Forscher von der DFKI erklärte die technischen Bewertungsmöglichkeiten von Musik.

Die Frage „was ist ein Algorithmus“, beschrieb Dr. Baumann als Matrix aus der Zuordnung von Nutzern und Musik, die durch Metadaten aus Quellen wie dem semantischen Wissensnetz dbpedia angereichert werden, damit inhaltliche Nähe erkennbar wird. Die Grundsatzfrage „wie individuell sind wir“ wurde kritisch hinterfragt und durch die Beobachtung ergänzt, dass in kollaborativen Empfehlungsmodellen verstärkende Effekte auftreten, die den Mainstream fördern.

Was leistet Journalismus? War früher eher Empfehlung und Bewertung wichtig, beschreibt Prof. Dr. Lorenz-Meyer dessen aktuelle Aufgabe als Auswahl und emotionale Darstellung: Geschichten erzählen kann nur der Musikjournalismus und kein Algorithmus – doch „es gibt zu viel Schrott“. Qualität durch tiefe Recherche, Erfahrung und genaue Wahrnehmung macht den Vorsprung des Profis zum Amateur aus; so wird der Musikjournalismus nicht nur von technischen Systemen bedrängt, sondern durch veränderte Medienproduktion und -rezeption: ein Mix aus digitaler und analoger Welt, der als Life-Stream in sozialen Netzwerken wie Facebook auch zu Musikempfehlungen im Freundeskreis genutzt wird.

Doch was können Musikinteressierte heute schon nutzen? Modelle wie Spotify beschrieb der Moderator als perfekten Weg zum Kennenlernen neuer Musik – ob solche Systeme Kaufentscheidungen unterstützen sei derzeit noch vage. Daniel Bregulla konterte: „Geschäftsmodell? Ich will nur Musik!“ der emotionale Wert von Musik muss erhalten bleiben – immer und überall verfügbare Musik wird entwertet.

Die hier gestartete, sehr gelungene Diskussion ist ein guter Ansatz: wie technische Bewertungsmethoden sich zukünftig als Bereicherung und nicht als Konkurrenz zum Musikjournalismus etablieren, wird sich zeigen.