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Laptops auf der Bühne

Schalt mich ein und schalt mich aus , die Gefühle müssen raus!
Produzent, Instrument, Bandersatz – Fluch und Segen von Laptops auf der Bühne

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Das große Knöpfchendrücken ist eröffnet! Klappe auf, Apfel an – und fertig ist der Laptop-Hit. Einfach die Bytes für sich arbeiten lassen, Komponieren ohne in die Saiten zu langen, Programmier- statt Notensprache – Bandmitglieder? Ich hab doch Ableton!

Null-Eins, Eins-Null – dass der kleine Plastik-Helfer selbst gestandenen Musikern bei der Songbastelei unter die Arme greift, ist nicht neu. Nur scheint der Beep Beep Beep-Wahn auf den Konzertbühnen seit kurzem ungeahnte Ausmaße anzunehmen. Alle Welt fuchtelt mit Wii-Controllern um die Wette, verheddert sich in Loopschleifen und sampelt sich den Wolf. Der Rest vom PC-Schützenfest steht baumstammgleich hinterm Klappgerät, um drei Mal in der Stunde die Play-Taste zu drücken – Live-Erlebnis? Pustekuchen! Strobo-Show hier, Live-Visuals da – damit der geneigte Hörer trotzdem was zu gucken hat, wird mit Schmackes in der Effekt-Trickkiste gewühlt. Audiovisuelles Sinnspektakel oder Ablenkungsmanöver? Eine Szene vermeintlicher Individualisten mit Notationsprogramm-Bedienungsanleitungen unter dem Arm streicht Saiten, Snare und Studioaufenthalte, der Monitor mutiert zum digitalen Bandproberaum. Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten liegt nur einen Mausklick weit entfernt – die musikalische Vereinnahmung durch den batteriebetriebenen Alleskönner auch? Weil der Gitarrist die Live-Hook versemmelt, kommen die Riffs jetzt vom Band. Hinter der Unfehlbarkeit der Computer-generierten Tonspur versteckt es sich so schön – bis das SysErr-Lämpchen blinkt und man sich statt der Sanduhr den Sechssaiter zurück auf die Bühne wünscht.

Computer says no? Wir sagen ja! Lasst uns sprechen über Stärken und Schwächen der Laptoperitis. Über Computerbands und Bands mit Computer, über Klanginnovationen und ihre Begrenztheit, über Performances mit und ohne Schweiß, Intervalle, Individualität und Interface – hier wird noch diskutiert statt programmiert!

Mit Marek Brandt (Klangkünstler), Marion Wörle (Computermusikerin), Jacob Korn (Musiker, Cynetart), Jin Hyun Kim (Musikwissenschaftlerin), Ji-Hun Kim (De:Bug).

Die Zusammenfassung der Diskussion

„Ein neuartiges Instrument, eine neue Form von Kunst“

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Beim dritten Diskussionsforum der Pop Up X tauschten sich die drei Laptop- und Medienkünstler Jacob Korn, Marion Wörle und Marek Brandt sowie die Musikwissenschaftlerin Jin Hyun Kim unter dem Titel „Schalt mich ein und schalt mich aus, die Gefühle müssen raus“ aus über Fluch und Segen von Laptops auf der Bühne. Moderiert wurde das Diskussionsforum von Ji-Hun Kim, Redakteur der de:bug.

Einig waren sich alle Referenten darüber, dass es bei einem so jungen Instrument wie dem Laptop an adäquatem Beschreibungsvokabular und Qualitätskriterien mangele. So berichtete Marion Wörle, unter dem Namen „Frau W“ Computermusikerin sowohl solo als auch in Ensembles mit klassischen Instrumenten, dass es bei der Zusammenarbeit mit Instrumentalisten schlichtweg an Wissen und auch Begriffen fehle, um beim gemeinsamen Komponieren und Improvisieren sich über Klang und Möglichkeiten von Computermusik auszutauschen. Am Laptop kann es beispielsweise schon viel Zeit in Anspruch nehmen, einen simplen Effekt einzustellen – die Vielfalt an Möglichkeiten des Instruments ist dafür enorm.

Auch die koreanische Musikwissenschaftlerin Jin Hyun Kim betonte, dass herkömmliche Konzepte von Musik nicht auf Computermusik anwendbar sind. Vielmehr handele es sich bei dem Laptop gewissermaßen um ein neuartiges Instrument, bei dem auch eine neue Form von Kunst entstehe, die sich jenseits bewege von Kategorien der Intentionalität und Repräsentation und bei der die Idee des Musikers als Virtuosen ausgedient habe. Einerseits lassen sich mit einem Computer die Grenzen des Körpers sprengen – Geschwindigkeit und Komplexität sind quasi keine Grenzen gesetzt – andererseits liegt in der fehlenden Körperlichkeit von Computermusik eben auch das Problem: Der Zuhörer kann nicht mehr nachvollziehen, was sich auf der Bühne und im Computer abspielt, und es lässt sich nicht mehr unterscheiden, welche Bewegungen inszeniert sind und welche tatsächlich einen Klang nach sich ziehen, so Jin Hyun Kim. Dabei hob der in Leipzig lebende Laptop-Musiker Marek Brandt darauf ab, dass ein Großteil der Musik zuhause vorprogrammiert werden muss, bevor ein Künstler sich mit dem Laptop auf die Bühne wagen kann, denn während des Auftrittes lassen sich Effekte oder Einstellungen kaum noch verändern. Zumindest nicht, wenn es nicht vorgesehen ist wie beispielsweise in den interaktiven Werken Jacob Korns: Bei „Automatic Clubbing“ tanzt das Publikum in der Black Box „Computermusik“ und kann so die Musik interaktiv beeinflussen. Neben dem interaktiven Einbezug des Publikums können auch andere Aspekte wie Visualisierung, interessante Aufführungsorte oder ausgesprochen guter Klang zu einem verbesserten Live-Erlebnis führen. Marion Wörle betonte zum Schluss des Diskussionsforums noch einmal: „Der Fluch ist eigentlich auch ein Segen – die Barrieren, an die man stößt, sind immer auch Möglichkeiten.“