{"id":599,"date":"2010-04-15T12:57:13","date_gmt":"2010-04-15T11:57:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.leipzig-popup.de\/?page_id=599"},"modified":"2016-03-04T16:55:25","modified_gmt":"2016-03-04T15:55:25","slug":"algorithmus","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/leipzig-popup.de\/?page_id=599","title":{"rendered":"Algorithmus"},"content":{"rendered":"<p><b>Wir tanzen Mechanik<br \/>\nDer Algorithmus hat dem Musikjournalismus l\u00e4ngst den Rang abgelaufen<\/b><br \/>\n<i>Samstag, 13 Uhr, Panelzelt<\/i><br \/>\nNat\u00fcrlich sind wir alle strikte Individualisten. Mehr oder weniger. Nur wir bestimmen, was uns auf dem Dancefloor den tropfenden Schwei\u00df von der Decke oder beim Spielen auf der Luftgitarre die Peinlichkeit des Moments ertragen l\u00e4sst. Doch nicht immer ist es ganz einfach, den \u00dcberblick \u00fcber alle Optionen aus der Geschmackstiefe zu behalten.<br \/>\nSchon in Zeiten, als die Argumente f\u00fcr den Gang in den Plattenladen noch zwischen Hochglanzcover ambitionierter Musikmagazine passten, war die Zeit zum Sondieren oftmals viel zu knapp. Und heute, da Zeus \u00fcber uns ein bodenloses F\u00fcllhorn mit Musik ausleert, dem nicht einmal eine Armada von John Peels so habhaft werden k\u00f6nnte, dass wir hyperindividualisierten Internetmusikcracks auf Dauer damit zufrieden w\u00e4ren, braucht es schon tagt\u00e4glich die Mu\u00dfe f\u00fcr mindestens 80 Blogs, 40 Podcasts und 20 Soundclouds, um nicht f\u00fcr alle Ewigkeit auf dem Schnee von vor drei Minuten sitzen zu bleiben. Auch mit Vertrauen in die F\u00e4higkeiten des modernen (Musik-)menschen: Hier sind einfach physische Grenzen gesetzt. Zum Gl\u00fcck haben die Ahnen von Konrad Zuse die Notwendigkeiten der Zeit erkannt und wieder einmal den guten alten Muhammed al-Chwarizmi um Rat gefragt. Der Entdecker der Algorithmen w\u00fcrde heute wohl bei Amazon, Putpat und Co. Tantiemen-Trillion\u00e4r, k\u00f6nnte er aus dem dort so erstaunlich treffenden und erfolgreichen Auswerten von Userdaten f\u00fcr individuelle Musikvorschl\u00e4ge noch einen finanziellen Nutzen ziehen. Klar, sich diesem Schicksal dieser Art Geschmacksfilterung zu ergeben, w\u00fcrde hei\u00dfen, den Robotern das Feld zu \u00fcberlassen. Aber hey, wie hie\u00df es nicht schon bei Kraftwerk: \u201eWir funktionieren Automatik, jetzt wollen wir tanzen Mechanik!\u201d<\/p>\n<p>Mit Dr. Stephan Baumann (Deutsche Forschungszentrum f\u00fcr K\u00fcnstliche Intelligenz), Johnny Haeusler (Spreeblick), Lars Brinkmann (GRIMM), Daniel Brugella (whatpeopleplay), Prof. Dr. Lorenz Lorenz-Meyer (Professur f\u00fcr Online-Journalismus Darmstadt); Moderation Uwe Viehmann (iNterview)<\/p>\n<h2>So war&#8217;s<\/h2>\n<p><strong>Der Algorithmus hat dem Musikjournalismus l\u00e4ngst den Rang abgelaufen<\/strong><\/p>\n<p>\u201eWir tanzen Mechanik!\u201c ist nicht nur das Motto der diesj\u00e4hrigen (Pop Up, sondern beschreibt das Spannungsfeld zwischen Emotion und Technik. Das gutsortierte Podium diskutierte unter Moderation von Uwe Viehmann den Konflikt zwischen Musikjournalismus und Bewertungsalgorithmen. Auswahl und Empfehlung von Musik als Thema des Kulturjournalismus wird inzwischen deutlich in Frage gestellt &#8211; neue Wege sind n\u00f6tig.<\/p>\n<p>Die f\u00fcnf G\u00e4ste lie\u00dfen eine interessante Diskussion aus unterschiedlichen Blickwinkeln erwarten: Johnny Haeusler von Spreeblick und Lars Brinkmann (GRIMM) konnten mit Daniel Bregulla von whatpeopleplay ihren Standpunkt aus Sicht der Inhaltsproduzenten darstellen. Prof. Dr. Lorenz Lorenz-Meyer, der eine Professur f\u00fcr Online-Journalismus in Darmstadt innehat, erl\u00e4uterte theoretische Hintergr\u00fcnde und Dr. Stephan Baumann als Musik- und KI-Forscher von der DFKI erkl\u00e4rte die technischen Bewertungsm\u00f6glichkeiten von Musik.<\/p>\n<p>Die Frage \u201ewas ist ein Algorithmus\u201c, beschrieb Dr. Baumann als Matrix aus der Zuordnung von Nutzern und Musik, die durch Metadaten aus Quellen wie dem semantischen Wissensnetz dbpedia angereichert werden, damit inhaltliche N\u00e4he erkennbar wird. Die Grundsatzfrage \u201ewie individuell sind wir\u201c wurde kritisch hinterfragt und durch die Beobachtung erg\u00e4nzt, dass in kollaborativen Empfehlungsmodellen verst\u00e4rkende Effekte auftreten, die den Mainstream f\u00f6rdern. <\/p>\n<p>Was leistet Journalismus? War fr\u00fcher eher Empfehlung und Bewertung wichtig, beschreibt Prof. Dr. Lorenz-Meyer dessen aktuelle Aufgabe als Auswahl und emotionale Darstellung: Geschichten erz\u00e4hlen kann nur der Musikjournalismus und kein Algorithmus &#8211; doch \u201ees gibt zu viel Schrott\u201c.  Qualit\u00e4t durch tiefe Recherche, Erfahrung und genaue Wahrnehmung macht den Vorsprung des Profis zum Amateur aus; so wird der Musikjournalismus nicht nur von technischen Systemen bedr\u00e4ngt, sondern durch ver\u00e4nderte Medienproduktion und -rezeption: ein Mix aus digitaler und analoger Welt, der als Life-Stream in sozialen Netzwerken wie Facebook auch zu Musikempfehlungen im Freundeskreis  genutzt wird.<\/p>\n<p>Doch was k\u00f6nnen Musikinteressierte heute schon nutzen? Modelle wie Spotify beschrieb der Moderator als perfekten Weg zum Kennenlernen neuer Musik &#8211; ob solche Systeme Kaufentscheidungen unterst\u00fctzen sei derzeit noch vage. Daniel Bregulla konterte: \u201eGesch\u00e4ftsmodell? Ich will nur Musik!\u201c der emotionale Wert von Musik muss erhalten bleiben &#8211; immer und \u00fcberall verf\u00fcgbare Musik wird entwertet. <\/p>\n<p>Die hier gestartete, sehr gelungene Diskussion ist ein guter Ansatz: wie technische Bewertungsmethoden sich zuk\u00fcnftig als Bereicherung und nicht als Konkurrenz zum Musikjournalismus etablieren, wird sich zeigen. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir tanzen Mechanik Der Algorithmus hat dem Musikjournalismus l\u00e4ngst den Rang abgelaufen Samstag, 13 Uhr, Panelzelt Nat\u00fcrlich sind wir alle strikte Individualisten. Mehr oder weniger. Nur wir bestimmen, was uns auf dem Dancefloor den tropfenden Schwei\u00df von der Decke oder beim Spielen auf der Luftgitarre die Peinlichkeit des Moments ertragen l\u00e4sst. 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